Wie Zeugnisse unser Leben beeinflussen

Mittlerweile haben es alle Kinder und Jugendliche erhalten, vielfach mit Spannung erwartet, manchmal mit Ärgernis oder Scham, viel häufiger aber mit Stolz und Genugtuung: das Zeugnis! Jenes Dokument, das über die schulischen Erfolge Bericht erstatten soll. Wohlgemerkt, nur über die unmittelbar messbaren Erfolge, nicht über die investierten Leistungen, die Zeit und die Energie, die tägliche Überwindung etc. Denn die bekommt man mit einem Zeugnis nicht dokumentiert. Ob man im Schuljahr ab und zu Glück gehabt hat oder eine Pechsträhne auf die andere folgte, das bekommt man natürlich auch nicht mit. Am Ende steht die Note schwarz auf weiß am Papier und das war´s.

Dienstzeugnisse verfolgen im Wesentlichen ein sehr ähnliches Ziel: Sie sollten Auskunft über die Qualitäten und die Erfolge im beruflichen Kontext widerspiegeln und einen verlässlichen Informationscharakter haben für … für wen denn eigentlich? Für die Person selbst? Oder für die nächsten Vorgesetzten, künftige Arbeitgeber? Was ist die wesentlichste Funktion eines Dienstzeugnisses? Und warum kriegt man in der Regel nur dann eines, wenn man ein Unternehmen verlässt?

(c) Adobe Stock – Dienstzeugnis bei Dienstaustritt

In meiner Vorstellung wäre ein Dienstzeugnis ein wiederkehrendes und beiderseitiges Instrument der Zustandsbewertung. Üblicherweise wird ein Dienstzeugnis ausschließlich Top-Down erstellt: Die Führungskraft bewertet jene Personen, die ihm/ihr unterstellt sind. Ich habe noch nie ein Zeugnis gesehen (einer Führungskraft) welches von jenen Personen verfasst worden wäre, die dazu am besten in der Lage wären: Von den „Untergebenen“ (was für ein Ausdruck der militärischen Hierarchie, also vielleicht doch eher „Kollegenschaft“). Im Dienstzeugnis manifestiert sich weiterhin die alte Arbeitswelt fast ohne Ausnahmen.

Ebenso wäre es doch viel näher an der Realität, wenn Dienstzeugnisse in fester Zeitabfolge ausgestellt werden würden, denn kein Mensch ist eine Maschine, die permanent die gleiche Leistung abliefert und mit jeder Aufgabenstellung gleich gut performt. Nein, wir sind Menschen und sind abhängig von äußeren Einflüssen, wie auch den eigenen Entwicklungsschritten, von unterschiedlichen Dynamiken innerhalb und außerhalb des Unternehmens, von diversen Teams und Teammitgliedern, … Diese Faktoren können uns im Kontext der Bewertung verbessern oder aber auch verschlechtern. Nichts verfehlt das Ziel eines fairen und objektivierten Dienstzeugnisses mehr als die Reduzierung der Information auf den Zeitpunkt des Austritts aus dem Unternehmen. Hier wird eine Momentaufnahme beschrieben, der viel zu häufig einen Negativhintergrund hat und dazu verleitet, subjektiv und unehrlich zu sein (ob Pro oder Kontra ist unwesentlich).

Und das bringt mich zum nächsten Punkt: Ein Dienstzeugnis sollte Türen öffnen oder eben schließen. Als Führungskraft kann ich mit einem entsprechenden Dienstzeugnis den Einstieg in einen anderen Job für einen anderen Menschen dramatisch erschweren. Und wer möchte das denn gerne tun (außer man hat ordentliche Emotionen im Spiel)? Wer solidarisiert sich denn NICHT mit einer gekündigten Person auf den letzten Metern – wer weiß, wann es einem vielleicht selbst passiert? Nein, die Haltung „ich lege Ihnen keinen Stein in den Weg“ überwiegt und ist ja auch sympathisch, letztendlich sind wir Menschen soziale Wesen mit Mitgefühl. Aber Vorsicht: Die wohlgemeinte Solidarität widerspricht dem grundsätzlichen Ziel des Zeugnisses, eine objektive und ehrliche Bewertung über die beruflichen Qualitäten einer Person abzugeben.

Oder kennen Sie Lehrkräfte, die mit drei „Nicht genügend“ auf die Schularbeiten zum Jahresende ein „Sehr gut“ ins Zeugnis schreiben?

In meinem persönlichen Fall habe ich (vor Jahren) gleich zwei Mal die Aufforderung meines Vorgesetzten befolgt und mir selbst mein Dienstzeugnis geschrieben. Das ist natürlich die absolute Spitze der Unprofessionalität im Umgang mit Mitarbeiter:innen, aber offenbar kein Einzelfall! Letzte Woche hatte ich Bewerbungsunterlagen in der Hand, in denen drei Dienstzeugnisse von unterschiedlichen Arbeitgebern blockweise wortgleich verfasst waren. Hier war offenbar nicht nur die Führungskraft faul, sondern der gegenständliche Bewerber auch!

Wie sollte ein ideales Dienstzeugnis also sein? 5 Punkte, auf die ich schaue:

Punkt 1

Das Schreiben sollte eine detaillierte Beschreibung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten enthalten. Idealerweise auch die Entwicklung der Aufgaben bei längerem Dienstverhältnis abbilden.

Punkt 2

Das Zeugnis sollte die Sichtweise von unterschiedlichen Stakeholdern mehr oder minder gleichwertig widerspiegeln.

Punkt 3

Das Zeugnis sollte besondere Erfolge wie auch besondere Herausforderungen konkret benennen.

Punkt 4

Das Zeugnis sollte sich nicht nach einer Formvorlagensammlung anhören, sondern persönlich und frei verfasst sein.

Punkt 5

Das Zeugnis sollte auch faire Kritikpunkte und objektive Gründe für die Beendigung des Dienstverhältnisses liefern.

Nun, Punkt 5 ist ein Wunschdenken, allein schon aufgrund der rechtlichen Konsequenzen, mit denen man in so einem Fall seitens z.B. der Arbeiterkammer konfrontiert wäre. Sollten Sie Probleme mit der „Entschlüsselung“ eines Dienstzeugnisses haben, finden Sie hier ein paar Antworten.

Aber hatten Sie schon einmal eine Situation, wo sich Ihr Kind beschwert hat, die gleiche Note bekommen zu haben wie ein:e Mitschüler:in, obwohl er/sie doch viel schlechtere Schularbeiten hatte und nie in der Stunde aufzeigte? Ich glaube alle, die schulpflichtige Kinder haben, kennen das. Ich finde die Aufregung in der Situation durchwegs legitim! Folglich können sich ausgezeichnete Mitarbeiter:innen meiner Ansicht nach mit Recht aufregen, wenn am Ende des Tages alle ein Kuschel-Zeugnis in der Hand halten. Die Konsequenz ist Glaubwürdigkeitsverlust – schade für alle Beteiligten.

Verfasst von Gergely Hernady – Geschäftsführer & Leitung Recruiting der Menschen im Vertrieb Beratungs GmbH

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